Aktuelles   -  Über das Kulturwerk   -  Kontakt
deutsch   -   english   -   français   -   español

Eine Kunsthalle für Berlin
Konzeptpapier für die Workshops und Podiumsdiskussion: The Arts and the City 22./23.06.2009

Das Konzept des Senats basiert auf einer nüchternen und freimütigen Analyse der Stärken und Schwächen Berlins als Kulturmetropole im nationalen und internationalen Vergleich. Wir halten die Analyse für bemerkenswert hellsichtig und konstruktiv. Vor allem benennt sie ohne Umschweife die Paradoxie: Die Künstler, die den Mythos der Kunstmetropole begründeten, gehen weitgehend leer aus.

Warum aber reichen 450 Galerien, viele Museen und andere Institutionen von oft internationalem Rang nicht hin, den in Berlin arbeitenden Künstlern einen Markt zu erschließen? Diese Frage wird nicht gestellt. Vielleicht aus gutem Grund: Die Ansiedlung der Kunsthalle am Humboldthafen, in einem wohl prächtigen Neubau, in einem noch zu errichtendem prächtigen Viertel rund um den auch schon prächtigen Hauptbahnhof erschiene im Lichte der Antwort noch absurder.

Denn die Antwort auf diese Frage lautet: Inkompatibilität. Was nach der Wende beiderseits der Mauer entstand, speiste sich aus sehr vielen Quellen und nahm viele Formen an. Die Bedürfnisse von Sammlern und Investoren kamen wohl etwas kurz. Die Kuratoren kamen etwas spät. Die Künstler erkannten wohl auch etwas spät, daß die Freiräume, die sie geschaffen hatten, verlorengingen und anderen zufielen.

Eine Kunsthalle im falschen Gewand am falschen Ort betoniert die verfahrene Situation. Sie verzerrt Fokus, Zusammenhänge und Zielgruppen und drangsaliert auf sattsam bekannte Art und Weise eine Kunstpraxis, die den kreativen Reichtum Berlins grundiert und prägt.

Wohl auch nicht zufällig wird eine weitere Frage nicht erörtert: Wer soll den Neubau finanzieren? Die Rückwirkungen eines Investorenmodells auf Glanz und Elend einer Berliner Kunsthalle lassen sich erahnen. Und noch eine zentrale Frage: Wann? Denn wer investiert in ein solches Areal ohne klare Aussichten auf Refinanzierung? Das Papier benennt sehr klar die Folgen von Zeitverlust und Fehlschlägen: Die internationale Kunstkarawane und ihr Troß ziehen weiter.

 

Deshalb ist es richtig, sich im Bestand einzurichten. Und deshalb ist der Verlust der Blumenmarkthalle so schmerzhaft. Wir halten diese Entscheidung des Senats aber für weitsichtig und sachgerecht. Für das Jüdische Museum ist die Erweiterung ein Befreiungsschlag. Wer den Libeskind-Bau vor der Aufnahme des Ausstellungsbetriebs erlebt hat, wünscht sich diesen Zustand zurück. Für das jüdische Leben in der Stadt und international ist das ein wichtiges Signal.

Für die Nutzung als Kunsthalle kommen nach Lage, Raumprogramm, Struktur und Verkehrsanbindung mehrere Objekte in Frage, die noch nicht in der Diskussion sind. Aber ebenso wichtig ist die Erörterung des Betriebssystems. Was tun, wenn die Trüffelschweinkaskade - Galerie, Kurator, Sammler, Museum, Investor - in Berlin nicht in Gang kommt?

Die Geringschätzung erheblicher Teile der Berliner Künstlerschaft gegenüber dem Regime der turnusmäßigen Selig- und Heiligsprechungen ist unübersehbar. Was Wunder! Seit vierzig Jahren sind die neuen Medien neu, und was nicht ins Foyer passt, passt nicht. Wagnisse stolpern über immer neue unerhörte Wagnisse.

Leicht übersehen wir: Die Berliner Szene explodierte nicht erst 1989. Auf beiden Seiten der Mauer markierten die Feiern - 750 Jahre Berlin - einen Höhepunkt heftiger Kämpfe gegen die Vernichtung gewachsener Strukturen zugunsten schäbigster, teurer Makulatur.

Ästhetische Praxis war Mittel und Ziel zugleich, Kunst Ausgangspunkt und Erlebnis. Der Zustrom von Künstlern hatte längst begonnen. Dann kollabiert ein Staat direkt vor ihren Augen. Die blühenden Landschaften waren nicht gelogen; sie hallen noch nach. Und noch immer ist Berliner Kunst anders. Die Inkompatibilität zwischen notorisch hoffnungsloser Praxis und dem geschmeidigen a priori von Vermittlung und Rezeption wächst weiter. Das werden auch drei neue internationale Kuratoren nicht ändern.

 

Eine Kunsthalle für Berlin könnte aber doch völlig anders verfasst sein. Statt der Kuratoren zehn oder zwölf Treuhänder. Jeder verantwortet für einen Zeitraum von zwei oder drei Jahren einen Stream. Jeder Stream gliedert sich in Ausstellungsperioden von zwei Wochen und gebietet über mehrere Stellplätze oder Module. Die Streams überlappen sich jeweils um einen Tag oder auch zwei.
Jeder Tag ein anderer Anblick.

Aufgabe der Treuhänder ist nicht, Ausstellungen oder gar Künstler zu machen. Sie registrieren, was in ihrer Welt passiert und setzen es in Bezug zur übrigen Welt. Vor allem aber stehen sie dafür ein, daß die Präsentation zustande kommt, Ausstellungshonorare, Arbeitsmittel, Hilfen.

Eine Besonderheit dieser Kunsthalle wären virtuelle Kojen. Mittels nahtloser Stereoprojektionen auf drei Wände lassen sich auch komplexe elektronische Werke präsentieren. Es ließen sich aber auch alle entsprechend abgelichteten Werke, Räume, Aktionen und Installationen archivieren und reaktivieren.

Themenausstellungen lassen sich aus dem Altbestand oder im Austausch mit anderen kompatiblen Einrichtungen bestücken. Künstler können für Galeristen und anderen Interessenten frühere Präsentationen rekapitulieren.

Vor allem aber könnten elektronische Modelle und Mock Ups die Machbarkeit und Wirkung von großen und sehr komplexen Entwürfen untermauern. Für Wettbewerbe und Ausschreibungen ein unschätzbarer Gewinn. Für die virtuellen Kojen sind Machbarkeit, Wirkung und Bezahlbarkeit belegbar, für den Rest natürlich nicht.

Ansätze, Strukturen und Details sind zu erörtern. Wie rekrutieren sich die Treuhänder? Gibt es eine Gesamtlinie?

Heiner Büld, Vorstand bbk berlin

22. Juni 2009