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Vom Leben der Boheme in Zeiten von Hartz IV
Johannes Wendland

Eine ist aus der Deckung gekommen. In einem langen Artikel für das „Neue Deutschland“ hat die Berliner Künstlerin Heike Ruschmeyer Ende Oktober eine „Existenzbeschreibung“ abgegeben, eine schonungslose, nüchterne Darstellung ihrer materiellen Lebensbedingungen. Diese sehen so aus wie die der allermeisten freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern im Land: bodenlos. Nur, dass man darüber eigentlich nicht spricht. Schon gar nicht öffentlich. Da verschanzt man sich lieber hinter Statistiken und mimt den erfolgreichen Künstler. „Dieser Artikel ist eigentlich absolut geschäftsschädigend“, sagt die 49-jährige Malerin denn auch und lacht. Eigenartig, dass es nicht bitter klingt.

Heike Ruschmeyer ist wahrlich kein Nobody. Ihre Großformate zeigen wieder und wieder die Opfer von Gewalt, zumeist aus dem häuslichen Bereich. In jüngerer Zeit stellt sie vor allem Kinder dar, in immer spärlicherem Kolorit und immer größeren Formaten. Im Sommer erhielt sie dafür den Marianne-Werefkin-Preis. Ihre Arbeiten werden von der Kritik gelobt, doch Sammler schrecken häufig vor der Radikalität ihres künstlerischen Ansatzes zurück.

Obwohl sie immer mal wieder Werke ausstellt und verkauft, ist sie häufige Kostgängerin der Bundesagentur für Arbeit. Wie gesagt: genauso wie geschätzt neun Zehntel aller Künstler hierzulande. Nicht, weil sie so unmäßig große Ansprüche stellen würde. Heike Ruschmeyer lebt dort, wo sie arbeitet: in ihrem Atelier auf einer ehemaligen Fabriketage. Und das braucht sie, denn wo sonst soll sie ihre großformatigen Leinwände aufstellen, bemalen – und dann auch noch lagern? So nennt sie geschätzte 30 Quadratmeter ihr eigen, auf denen sich alles abspielt.

Und doch hat sich in jüngster Zeit ihre Situation wie die vieler ihrer Kolleginnen und Kollegen dramatisch verschärft. Das Stichwort heißt Hartz IV. Wer sich als Freiberufler arbeitslos meldet, rutscht jetzt automatisch in die Kategorie „Arbeitslosengeld 2“. Und das hat massive Konsequenzen, wie Herbert Mondry, der Berliner Vorsitzende des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) zu berichten weiß: „Die Arbeitspraxis der Jobcenter bedroht die berufliche Existenz und Perspektive von Künstlerinnen und Künstlern. Ein Jahr nach der Hartz-Reform sind unsere Erfahrungen katastrophal.“

Schon immer war die materielle Situation von Künstlern prekär. Die Hungerphasen und das Boheme-Dasein sind fester Bestandteil des Klischees vom Künstlertum. Noch nie gab es allerdings eine Situation, dass die Künstler seitens der Arbeits- und Sozialverwaltung buchstäblich aus dem Beruf heraus gedrängt werden. Derzeit ist das aber gang und gäbe.

Wer als Künstler im Jobcenter vor seinem Fallmanager sitzt, kann nicht mit viel Verständnis für die besondere Situation seines Berufs rechnen. Getreu dem Motto „Fordern und fördern“ werden ihm wie einem Langzeitarbeitslosen allerlei Beschäftigungs- und Aktivierungsmaßnahmen auferlegt – vom Bewerbungstraining bis zum 1-Euro-Job. Annahme Pflicht, sonst wird die ohnehin mickrige Zuwendung auch noch gekürzt. Die künstlerische Arbeit muss zurückstecken. Mit der Zeit wird der Faden, der den Künstler mit seiner eigentlichen Tätigkeit verbindet, dünn – bis er reißt.

„Künstler sind ja nicht beschäftigungslos“, sagt Bernhard Kotowski, BBK-Geschäftsführer in Berlin, „sondern sie arbeiten kontinuierlich an ihrem Oeuvre und an dessen Vermarktung. Sie müssen außerdem ständig Kontakte pflegen und neue aufbauen, um sich eine materielle Lebensgrundlage zu schaffen. Durch die Anforderungen der Jobcenter wird ihre Arbeitskraft in einem Ausmaß abgesaugt, dass die Fortsetzung der künstlerischen Arbeit bedroht ist.“

Seit der Einführung der Hartz-IV-Regelungen ist es Künstlern zudem nicht mehr möglich, eine Übernahme der Kosten für das Atelier bei den Sozialämtern zu beantragen. Darüber wurde früher nach Ermessen entschieden, wie Kotowski erklärt. Heute würden entsprechende Anträge ausschließlich negativ beschieden. Zum Glück war wenigstens der Fall, dass einem Künstler bei der Berechnung seines Arbeitslosengeldes die von ihm geschaffenen, aber nicht verkauften Kunstwerke als „anrechenbares Vermögen“ ausgelegt wurden, ein skurriler Einzelfall. Der Widerspruch des Künstlers hatte vor einem Sozialgericht Erfolg.

Der BBK fordert, dass es in den Jobcentern qualifizierte Ansprechpartner gibt, für die das Berufsbild von selbstständigen Künstlern keine böhmischen Dörfer sind. Die Jobcenter sollten sich selbst als Partner beim Aufbau von tragfähigen Existenzen ansehen und entsprechend handeln.

Nach Schätzungen des BBK gibt es allein in Berlin rund 4.500 bis 5.000 professionelle bildende Künstler. Dauerhaft könnten nur rund fünf Prozent von ihnen von ihrem Beruf leben, zeitweilig können es rund 15 Prozent. Nach Auskunft der Künstlersozialkasse beträgt das durchschnittliche monatliche Einkommen ihrer Mitglieder im Bereich Bildende Kunst – zu dem aber auch die zumeist besserverdienenden Layouter, Designer oder Werbefotografen zählen – 667 Euro. Eigene Daten des BBK, die das verbandseigene Atelierbüro erhoben hat, besagen, dass rund zwei Drittel seiner Mitglieder über ein Durchschnittseinkommen von 495 Euro oder weniger verfügen.

Das Problem verschärft sich, je älter ein Künstler wird. Jüngere Künstler können sich oft eine Existenz aus familiären Zuwendungen, Stipendien und temporären Jobs zurechtzimmern. Ältere Künstler haben hingegen mit sich wandelnden Karrierephasen zu kämpfen. Und Stipendien sind in der Regel altersbegrenzt. Wem es nicht gelingt, beizeiten durch eine Professur eine dauerhafte Absicherung zu erlangen, der braucht schon einen extrem langen Atem – oder einen gutverdienenden Lebenspartner.

„Ich liebe meine Arbeit, obwohl sie mich ständig quält“, schreibt Heike Ruschmeyer, die seit fast einem Vierteljahrhundert professionelle Künstlerin ist. „Nie bin ich zufrieden damit, nie ist es genug. Jeder wirkliche Künstler kennt diesen Prozess, der als solcher schon existenziell ist. Dazu kommen die wirtschaftlichen Existenzängste.“

Über mehrere Jahre jobbte Heike Ruschmeyer übrigens als Sachbearbeiterin bei der Berliner Künstlerförderung, die jahrzehntelang Künstlern Werkverträge vermittelte und ihnen damit zumindest vorübergehend ein Einkommen sicherte. Diese Einrichtung, die in Westberlin seit 1950 bestand, ist inzwischen vom rot-roten Berliner Senat abgewickelt worden. Ersatzlos.

Mit freundlicher Genehmigung der Kunstzeitung, Januar 2006
Johannes Wendland