Aktuelles   –   Kontakt   –   Drucken

Neue Untersuchung zur Lage der Kunst und der Bildenden KünstlerInnen in Berlin

Das Institut für Strategieentwicklung hat jetzt seine Studie „Studio Berlin II“ ins Netz gestellt.  In Zusammenarbeit mit dem bbk berlin und unter Mithilfe zahlreicher Künstlerinnen und Künstler zusammen, dokumentiert sie die soziale und wirtschaftliche Situation von Künstlerinnen und Künstlern in Berlin, ihre Arbeitsbedingungen und -voraussetzungen.

Die Studie kann unter (www.ifse.de/html/studio_berlin.html) aufgerufen werden. Der bbk berlin kommt in einer ersten Bewertung zu folgenden Schlussfolgerungen:

 

Studio Berlin II – Eine Untersuchung des Instituts für Strategieentwicklung über Berlin als Produktionsstandort für Gegenwartskunst

Erste Schlussfolgerungen

  1.  Die wirtschaftliche Lage fast aller Bildenden Künstlerinnen und Künstler in Berlin ist prekär. Ihr Durchschnittseinkommen erreicht noch nicht einmal die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens aller abhängig Beschäftigten, fast 70% verfügen über ein Einkommen von unter bzw. bis maximal 12.000 € im Jahr. Viele sind von Zuwendungen von Lebenspartnern und Eltern abhängig, ebenso viele – nämlich etwa 10% - von Hartz IV. Nur bei etwa 20% reichen die Einnahmen aus Berufsfeldern der Bildenden Kunst aus, um auch nur die Kosten der eigenen Produktion zu decken.
     
  2.  Wenn Berlin für Bildende Künstlerinnen und Künstler noch immer attraktiv ist, so deshalb, weil eine kritische Masse überschritten ist – es sind bereits so viele Künstlerinnen und Künstler, Kuratorinnen und Kuratoren, Galeristinnen und Galeristen, überhaupt Menschen, die sich beruflich mit Kunst befassen, in Berlin, dass diese Groß-Community immer wieder neue Menschen anzieht. Möglich ist das jedoch nur, weil Mieten und Lebenshaltungskosten in Berlin im Vergleich zu anderen europäischen Großstädten noch relativ niedrig sind und infrastrukturelle Angebote wie Atelierförderung und Werkstätten zur Verfügung stehen. Im Umkehrschluss: Geschäftsgrundlage für Berlin als weltweit bedeutender Standort für Gegenwartskunst sind bezahlbare Mieten und Lebenshaltungskosten, sind Stadtquartiere, die ihre urbane Qualität in sozialen und Nutzungsmischungen behaupten können und Raum für finanzschwache Künstlerinnen und Künstler, künstlerische Projekte und off-spaces bieten können. Fast alle Künstlerinnen und Künstler würden Berlin verlassen, wenn Berlin diese Geschäftsgrundlage nicht mehr einhalten kann.

  3.  Ebenso wie die künstlerischen Tätigkeitsfelder sehr vielfältig sind und weit über die klassische Malerei hinaus reichen, sind es auch die künstlerischen Überlebensstrategien. Einnahmen aus Werkverkäufen überwiegen unter den Gesamteinkünften nur bei etwas mehr als einem Zehntel der Künstlerinnen und Künstler, die im Übrigen Einnahmen aus anderen künstlerischen Tätigkeitsfeldern wie etwa Projekten der Kunst im Öffentlichen Raum, Projekten in sozialen oder pädagogischen Zusammenhängen oder Lehrtätigkeiten erzielen. Viele sind nebenberuflich nicht-künstlerisch erwerbstätig.

    Kunst ist heute mehr denn je performativ, diskursiv und konzeptionell. Der Begriff von Kunst reicht weit über verkäufliche Objekt-Kunst (Malerei, Fotographie, Skulptur) hinaus. Die eigentlichen Schauplätze künstlerischer Diskussion, künstlerischen Austausches und Kunstpräsentationen sind deshalb heute hunderte von Projekträumen und off-spaces, kommunale Galerien und oft temporäre Projekte in öffentlichen Räumen.

    Auch für die Kunstverkäufe selbst spielen kommerzielle Galerien nur eine untergeordnete Rolle. Nur etwa ein Viertel der Künstlerinnen und Künstler hat lose oder engere Geschäftsbeziehungen zu Galerien. Von diesen wiederum befinden sich nur ein Drittel in Berlin, die Übrigen haben ihre Sitze in anderen Teilen Deutschlands oder im Ausland. Im Übrigen gibt nur ein sehr kleiner Teil der Künstlerinnen und Künstler an, dass für sie Arbeitsbeziehungen in die Kultur- oder Kreativwirtschaft relevant sind.

  4. Diese Tatsachen erlauben mehrere elementare Schlussfolgerungen:
    •  Wie alle finanzschwachen Bürger Berlins sind Künstlerinnen und Künstler auf eine aktive Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik zwingend angewiesen. Schon jetzt sind die Ateliers und Arbeitsplätze für fast die Hälfte der Künstlerinnen und Künstler unzureichend oder unmittelbar gefährdet, werden die für die künstlerischen und intellektuellen Austausch- und Arbeitsprozesse elementar wichtigen Projekträume und off-spaces in weiten Teilen der Berliner Innenstadt unter Verdrängungsdruck gesetzt.

    •  Notwendig sind wirksame Begrenzungen des Mietanstieges bei Wohnungen und Gewerbe und der Neuaufschluss bezahlbarer Arbeits- und Wohnflächen im innerstädtischen Bereich. Das erfordert eine Umkehr in der Stadtentwicklungspolitik, die zehn Jahre lang buchstäblich gar nichts mehr stattfand. Das erfordert aber auch sektorale Entwicklungsprogramme, zu denen der Ausbau der Atelierförderung, eine spezifische Förderstruktur für Projekträume, off-spaces und Produzentengalerien, eine intensive Nutzung verfügbarer landeseigener Flächen als Produktionsstätten für Bildende Kunst und die Verfügbarkeit unbebauter Grundstücke auch für die Neuerrichtung von Ateliers gehören.

    •  Unbedingt muss die Einkommenssituation professioneller Bildender Künstlerinnen und Künstler stabilisiert werden. Kunst darf nicht zum beruflichen Privileg höherer Töchter oder Söhne werden, ihre Qualität nicht immer durch fehlende Nachhaltigkeit, permanent unterbrochene Arbeitsprozesse und chronische Existenzangst in Frage gestellt sein. Zumindest muss deshalb künftig die von Künstlerinnen und Künstlern erbrachte Leistung honoriert werden. Das Land Berlin sollte deshalb dort, wo Künstler Ausstellungen des Landes Berlin oder von ihm geförderter Institutionen mit ihren Werken erst ermöglichen, an sie regelmäßig Honorare zahlen. Die Tatsache, dass bisher ein erheblicher Teil der künstlerischen Lebens- und Arbeitsleistung im Normalfall überhaupt nicht bezahlt wird, ist eine der maßgeblichen Ursachen für die wirtschaftliche Not und Unselbständigkeit vieler Künstlerinnen und Künstler.

    •  Auch diese Studie belegt erneut, dass die sogenannte Kulturwirtschaftsinitiative und das „Projekt Zukunft“ des Berliner Senates, die an sich auch freiberuflich arbeitenden Künstlerinnen und Künstler zugute kommen sollen, sie in der bislang praktizierten Form nicht nur nicht erreicht, sondern Geldverschwendung sind. Websites wie „ creative berlin“ und die selbst noch über Bezirke erfolgende Finanzierung von Beratungsagenturen für sogenannte „creative industries“ haben mit der Lebens- und Berufswirklichkeit professioneller Künstlerinnen und Künstlern nichts zu tun. Der Aufbau berufsspezifischer Informationsnetzwerke, gerade auch für internationale Künstlerinnen und Künstler wäre demgegenüber, wie auch aus der vorliegenden Studie deutlich hervorgeht, zwingend erforderlich, unterbleibt aber unter ausdrücklichem Hinweis auf die genannten Aktivitäten. Auch der Einsatz von Investitionsmitteln für sogenannte Gründerzentren hat keinen zusätzlichen Arbeitsraum für Künstler geschaffen, die auch von Kreditprogrammen der Investitionsbank nur in seltenen Einzelfällen sinnvoll profitieren können. Ein auf die tatsächlichen Informations- und Kommunikationsbedürfnisse Bildender Künstlerinnen und Künstler orientierter Einsatz verfügbarer Wirtschaftsförderungsmittel ist künftig, wenn nicht weiterhin Geld verbrannt werden soll, unbedingt erforderlich.

    bbk berlin, im Juni 2011

 

Auswahl aus den Diagrammen der Studie "Studio Berlin II" 2011

Download der vollständigen Studie unter: http://www.ifse.de/html/Studio_Berlin_II_IFSE.pdf

 

 

 

 

Dazu im Vergleich aus der Pilotstudie 2010/ S. 18:
Womit erzielen Galerien ihre Umsätze?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Studio Berlin II / 2011

© Institut für Strategieentwicklung (IFSE) Juni 2011/ 2011

  

bbk berlin e.V.

Köthener Straße 44
10963 Berlin

tel 030 230899-0
fax 030 230899-19

info@bbk-berlin.de