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Statement: Rettet die Berliner Atelierförderung

 DIE AKTEURE
DIE PROGRAMME

Der berufsverband bildender Künstler*innen Berlin ist mit nahezu 2500 Mitgliedern einer der größten Künstlerverbände Europas.

Er vertritt die Interessen der rund 8500 in Berlin lebenden und arbeitenden professionellen Bildenden Künstler*innen gegenüber Politik und Öffentlichkeit.

Er bietet seinen Mitgliedern zahlreiche Beratungsangebote und Rechtsschutz, die er ausschließlich aus eigenen Mitgliedsbeiträgen finanziert.

Öffentliche Förderung beansprucht - und erhält - er ausschließlich für die Angebote und Infrastrukturen, die er auf gemeinnütziger Grundlage allen professionellen Bildenden Künstler*innen in Berlin zur Verfügung stellt.

Dafür sind auf Initiative des bbk berlin die Druck -und Medienwerkstattwerkstatt in Kreuzberg,
die Bildhauerwerkstatt im Wedding, das Büro für Kunst im Öffentlichen Raum und das Atelierbüro  entstanden. Diese Einrichtungen bilden gemeinsam die gemeinnützige Kulturwerk des bbk berlin GmbH, deren Eigentümer der bbk berlin eV ist und die  für den Betrieb dieser Einrichtungen eine Zuwendung des Landes Berlin erhält. Sie bilden gemeinsam die infrastrukturelle Basis für die Arbeit bildender Künstlerinnen in Berlin. 

Das Büro des Atelierbeauftragten im Kulturwerk des bbk berlin wurde 1991 geschaffen.

Seine Aufgaben legten der bbk berlin, die Berliner Kulturverwaltung und das Abgeordnetenhaus gemeinsam fest: Er sollte und soll Künstler*innen und Künstler*inneninitiativen, öffentliche und private Bauherren, Verwaltungen und Politik professionell beraten, Konzepte zur Atelierförderung entwickeln und den Atelierbedarf ermitteln und darstellen. Seine Unabhängigkeit von der Verwaltung war sowohl von ihr selbst,
als auch vom bbk berlin und der Politik gewünscht. Auf dieser Grundlage war der Atelierbeauftragte die treibende Kraft hinter jeder Maßnahme der Atelierförderung in Berlin.

Dazu gehört ganz wesentlich das Ateliersofortprogramm/Atelieranmietprogramm. Ein dafür besonders qualifizierter Freier Träger, die gemeinnützige Gesellschaft für Stadtentwicklung, mietet für Ateliernutzungen möglichst unverzüglich nutzbare Räume in öffentlichem und privatem Eigentum. Die Akquise dieser Flächen erfolgte bis 2016 in meist unproblematischer Abstimmung zwischen Atelierbüro, Kulturverwaltung und GSE,
oft auf Hinweis von Künstler*innen. Diese Ateliers werden an Künstler*innen untervermietet, wobei die Höhe dieser Untermiete sich an den zumeist geringen Einkommen von Berufskünstler*innen orientiert.
Die Ausschreibung der Ateliers erfolgt über das Atelierbüro, das auch die Geschäftsstelle eines 
Beirates für die Vergabe von Ateliers und Atelierwohnungen ist. Dieser Beirat, mehrheitlich mit Künstler*innen besetzt und von der Kulturverwaltung berufen, trifft die Vergabeentscheidungen für die Ateliers. Künstler*innen müssen dafür die Kriterien der Professionalität und dringlichen Atelierbedarfs erfüllen. Zugleich dürfen sie Einkommensgrenzen nicht überschreiten. Die Differenz zwischen Hauptmiete der GSE und Künstler*innenuntermiete wird durch eine Zuwendung des Landes an die GSE ausgeglichen.

Dieses Ateliersofortprogramm hat 25 Jahre lang gut funktioniert. Das war auch immer die Auffassung der Senatskulturverwaltung. Der zunehmenden Verdrängung von Atelierstandorten und dem allgemeinen Mietanstieg müsste ein entsprechender Budgetzuwachs für Anmietungen gegenüberstehen.
Neue Förderinstrumente und zumal ein "Kulturraumbüro" sind nicht erforderlich.

DAS MISSVERSTÄNDNIS "ABEITSRAUMPROGRAMM" 

Die Kulturverwaltung war von dem Atelieranmiet-Programm sogar so überzeugt, dass sie seit 2016 versucht, sein Prinzip auf ganz andere Kunstsparten und künstlerische Produktionsweisen zu übertragen. Sie nennt entsprechende Sammeltitel "Arbeitsraumprogramm". Das aber funktioniert seit 2016 nicht. Die bewährte Zusammenarbeit im Atelieranmietprogramm hat die Kulturverwaltung einseitig beendet. An die Bedarfe anderer Sparten wie der Darstellenden Kunst oder Musik angepasste Programme hat sie nicht entwickelt, sondern versucht, die dafür ganz ungeeigneten Verfahren der Atelierförderung auf diese Sparten anzuwenden.

Zugleich hat die Verwaltung die Gespräche mit dem Atelierbüro und den Vertretern der anderen künstlerischen Sparten über belastbare gemeinsame Arbeitsstrukturen 2017 abgebrochen. Das Scheitern des " Arbeitsraumprogrammes" hat die Verwaltung zu verantworten, nicht das Atelierbüro, nicht die Vertreter der Freien Kunstszene.  Das trifft alle Sparten, nicht nur die Bildenden Künstler*innen!

WAS NÖTIG IST

Sparten-und nutzungsspezifische Programme müssen fortgesetzt (wie das Ateliersofortprogramm) und von unten nach oben bedarfsgerecht für andere Sparten neu entwickelt werden. Denn: einen Einheitsarbeitsraum für einen Einheitskünstler macht keinen Sinn, da es diesen nicht gibt. Ein Proberaumzentrum für Darstellende Kunst hat z.B. völlig andere Fördervoraussetzungen als ein Projektraum oder ein Atelierstandort.

Dieser Sichtweise aber verweigert sich die Verwaltung grundsätzlich. Stattdessen hat sie mit immer mehr Mitarbeiter*innen ohne ersichtliches inhaltliches Konzept immer mehr Aufgaben zentralisiert und bürokratisiert.  Fehlende Koordination, fehlende Kenntnis der künstlerischen Arbeitsnotwendigkeiten, fehlende immobilienwirtschaftliche Kompetenz, die bewusste Ausgrenzung des Sachverstandes Freier Träger, keine konsequente spartenspezifische Akquise führen zur Verschleppungen in Projektakquise und -Entwicklung, die bedrohlich sind: denn die Infrastruktur für künstlerisches Arbeiten schwindet rapide. Und das, obwohl es nicht am Geld fehlt!

Hinzu kommt: zwar hat sich die Kulturverwaltung im Rahmen des "Arbeitsraumprogramms" erhebliche Investitionsmittel in den Haushalt setzen lassen, kann sie aber nicht sachkundig bewirtschaften. Das kann auch die GSE nicht, deren Hauptaufgabenfeld das nicht ist.

Ergebnis: landeseigene Objekte, wie die durch die dort arbeitenden Künstler*innen und das Atelierbüro für künstlerische Nutzungen erkämpfte Objekt der ehemaligen Akademie der Wissenschaften. stehen größtenteils ohne Not bis heute leer.

So werden die Ziele nicht nur des Ateliermasterplans von 2016, sondern auch die bescheideneren Ziele des Senats weit verfehlt.

Neu geschaffene Ateliers zwischen Ende 2016 und Ende 2018: 

Bis Ende 2016: 891 geförderte Ateliers und Atelierwohnungen und

bis Ende 2018: 1035 geförderte Ateliers und Atelierwohnungen

Innerhalb zwei Jahren sind nur 144 Ateliers neu geschaffen worden! 

Zum Vergleich: 

Vorgabe Masterplan Art Studio 2020 2000 neue Ateliers bis 2020,

Vorgabe Koalitionsvertrag 2000 Ateliers und Produktionsräume sichern bis 2021.

Diese Zielvorgaben werden um über 850 bzw. um über 350 Ateliers bereits jetzt verfehlt.

Diese zwei Jahre sind, realistisch betrachtet verloren und können kaum noch wettgemacht werden.

DAS KULTURRAUMBÜRO,  so wie es die Senatsverwaltung bis dato unseres Wissens nach konzipiert hat,
wird alles nur noch schlimmer machen.

Es soll an die Stelle unabhängiger Akteure, insbesondere des Atelierbeauftragten, treten. Der Atelierbeauftragte soll künftig weder die Politik beraten noch Atelierförderungs- Konzepte entwickeln. An seine Stelle (und die anderer unabhängiger Akteure aus der Freien Kunstszene und der Immobilienwirtschaft) treten weisungsgebundene Mitarbeiter einer landeseigenen GmbH.

  1. Folge: Vorhaben wie beispielsweise das Haus der Statistik gibt es künftig nicht mehr. Dass in diesem Objekt künftig auch Künstler*innen arbeiten können, ist insbesondere Ergebnis der Arbeit eines unabhängigen, den Künstler*innen - und nicht der Regierung! - verpflichteten professionellen  Atelierbeauftragten, der von außen kritisch auf die Senats-Liegenschaftspolitik einwirken konnte und die Öffentlichkeit mobilisiert hat. Das können weisungsgebundene Mitarbeiter des Senats oder seiner Gesellschaften eben nicht.
  2. Es ist nach seiner zentralistischen Konzeption das Gegenteil dessen, was not tut: bedarfsgerechte spartenspezifische Programme von unten nach oben entwickeln.
  3. Es ist ein Zeugnis konzeptioneller Hilflosigkeit: was soll den ein "Kulturraum" eigentlich sein? Wenn es schon den Gegenstand dieses Büros nicht gibt: wie soll es dann erfolgreich arbeiten?

 Ebenso bedenklich:
Hinter der Andeutung des Senatspapiers zum "Kulturraumbüro", es sollten die Rahmenbedingungen der Ateliervergabe verändert werden, verbirgt sich die Abkehr von einer Orientierung am tatsächlichen Bedarf. Bisher war Ziel der Berliner Atelierförderung, Berlins Rolle als eine Welthauptstadt der Produktion bildender Kunst zu gewährleisten und damit eine für die Berufsgruppe der Bildenden Künstler*innen ausreichende Infrastruktur zu gewährleisten. Jetzt hört man aus der Verwaltung, das sei ja "Sozialförderung", es müssten Nutzungszeiträume weiter beschränkt und vermehrt Vergabeentscheidungen auf der Basis besonderer individueller "Qualität" von Künstler*innen getroffen werden. Statt Struktur- also Künstlereinzelförderung! Das aber heißt: so kann und so wird die Kulturverwaltung den tatsächlichen Bedarf nach politischer Laune und Kassenlage kleinrechnen und manipulieren: warum noch 2000 neue Ateliers, warum 1500, wenn es doch vielleicht nur 100 "wirklich" förderungswürdige Künstler*innen in Berlin gibt?
Solche politische Manipulation wird der bbk berlin nicht zulassen!

DIE ALTERNATIVEN

Ganz einfach:

Das bewährte Ateliersofortprogramm mit den bewährten Akteuren und mit den Netzwerken des Atelierbüros wiederbeleben und vergleichbare Anmietprogramme dort aufbauen, wo in anderen Sparten ähnliche Bedarfe sind. In Abstimmung mit dem Atelierbeauftragten hat der bbk berlin dazu schon einen konkreten Vorschlag für den Zeitraum bis 2020 gemacht - gern kann man sofort anfangen!

Der bbk Berlin hat der Kulturverwaltung z.B. in einem Brief an Senator Dr. Lederer im August 2018 konkrete Vorschläge für eine schnelle und spürbare Verbesserung der Situation gemacht:

Kurzfristig 600 neue Ateliers schaffen  

Das große Engagement des Senates, neue Arbeitsräume insbesondere in umzunutzenden landeseigenen Liegenschaften anbieten zu können, respektieren und unterstützen wir.

Aber seine Ergebnisse kommen für viele Künstler*innen angesichts sehr langer Planungs- und Realisierungsprozesse vielfach zu spät, wie das auch für Neubauvorhaben, etwa von Atelierwohnungen gilt. Zugleich können Ateliers für Bildende Künstler*innen ohne weiteres und sofort in leerstehenden neu zu vermietenden Gewerbe- und Büroräumen eingerichtet werden (was für andere Sparten zumeist schwieriger ist).

Es sollte deshalb Vorsorge dafür getroffen werden, dass 2019 und 2020 zusätzlich jeweils ein Betrag von 1,5 Millionen Euro für die Anmietung von Ateliers im Rahmen des Sammeltitels 68577 ausgewiesen und verfügbar sind. Dieser Betrag dürfte ausreichen, 2019 und 2020 jeweils etwa 300 Ateliers im Atelieranmietprogramm neu anbieten zu können. Es wird vorausgesetzt, dass nur Mieten am unteren Rand des Marktüblichen finanziert werden und nach Möglichkeit Objekte landeseigener Gesellschaften angemietet werden. Ein solches Ateliersofortprogramm, das ja auch innerhalb eines Sammeltitels ohne weiteres möglich ist, würde schnell und spürbar gegen den aktuellen Ateliernotstand wirken. Selbstverständlich könnte mit vergleichbarer Wirkung auch der Ankauf von sofort nutzbaren Gewerbeobjekten durch das Land Berlin in Betracht gezogen werden. Die Arbeitsraumbedarfe der anderen Kunstsparten bleiben natürlich unberührt." 

Diese Summen sind auch in Relation zu anderen Infrastrukturprojekten im Rahmen eines Landeshaushaltes absolut darstellbar, selbst wenn man die Zahlen und damit die zu erwartende Umsetzung z.B. verdoppelt. Aber genau bei der letzten, der Umsetzung hapert es:
Endlich müssen die vorhandenen Investitionsmittel sinnvoll eingesetzt werden können.

 Einen flexiblen Investitionstitel auflegen

An der eben schon im Koalitionsvertrag zitierten Stelle auf S.123 heißt es weiter:

"In Kooperation mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften soll ein Neubauprogramm für Arbeitsräume etabliert werden. Die Vergabe in Erbbaupacht und Genossenschaftsmodelle werden gestärkt und der Ausbau des Bürgschaftsprogrammes der IBB geprüft".

Das Bürgschaftsprogramm wird gerade entwickelt. Aber von einem Neubauprogramm für Arbeitsräume ist nichts zu erkennen. Darüberhinaus ist es dringend notwendig, den jetzt schon vorhandenen und bisher nur schwer auszugebenden Investitionstitel im Arbeitsraumprogramm weiter zu flexibilisieren, sodass auch Um- und vor allem Neubau direkt bezuschusst wird, und dass der Titel nicht nur und ausschließlich für öffentliche Liegenschaften, wie bisher Praxis, sondern auch an Private gehen kann, so wie es im Titel 89110 angelegt ist: Investitionskostenzuschüsse für die Schaffung und Erweiterung der räumlichen Infrastruktur für künstlerische Arbeit, insbesondere in landeseigenen Objekten." Dieser Titel von ca. 7 Millionen allein für 2018/2019 wird aus unserer Sicht nicht sachkundig und flexible genug ausgenutzt. Vorausgesetzt, dass Laufzeit und Preis der dann zu mietenden Flächen stimmen, kann hier schnell und effektiv Abhilfe geschaffen werden.

Hilfen für Genossenschaften und Selbsthilfeprojekte von Initiativen

Aus dem genannten Titel und weiteren zu schaffenden Instrumenten ist eine umfangreiche Unterstützung gerade für Nutzer*innen getriebene Projekte und Gemeinwohl orientierten Akteure im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe zu gewähren. Derzeit wird in der Sicherung von räumlicher Infrastruktur für künstlerische Arbeit lediglich zwischen landeseigen und privat unterschieden. Hier gilt es, genauer hinzuschauen und mit positiven Beispielen wie etwa der „Atelierhausgenossenschaft“ zusammenzuarbeiten, um wenigstens einem Teil der 90% der Künstler*innen in Berlin, die voraussichtlich von Altersarmut betroffen sein werden, langfristige Perspektiven schaffen zu können.

Statt „Kulturraumbüro“: Tatsächlich ist jedoch ein neuer Akteur nötig:

Der Kulturverwaltung fehlt immobilienwirtschaftlicher Sachverstand. Größere Bauvorhaben vor Allem in landeseigenen Immobilien überfordern sie und die GSE. 

Dafür einen neuen und kompetenten Partner wie zum Beispiel die BIM zu finden, ist tatsächlich nötig - das fordert der Atelierbeauftragte seit anderthalb Jahren.  

Zusammen mit mittelfristig wirksamen Neubauprogrammen (Anlage AL 2 usw.) kann dem Ateliernotstand wirksam begegnet werden! 

 

bbk berlin im Dezember 2018

  

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