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Offener Brief der Berliner Künstlerin Susanne Kutter zur Grundrentendebatte

Der bbk berlin dankt ihr für diese aufschlussreiche Darstellung.

Liebe Freunde und Bekannte,

der Großteil aller hauptberuflich tätigen Künstler und Künstlerinnen erwirtschaften jährigen ein Einkommen, das deutlich unter einem Drittel des Durchschnittseinkommens liegt. 2018 lag das bundesweite Durchschnittseinkommen bei 37.873 €. Hier sind die statistischen Zahlen, die die wirtschaftliche Situation der Künstler für das Jahr 2018 belegen. (Angabe der Künstlersozialkasse)

durchschnittliches künstlerisches Einkommen für 2018:

Bildhauer: 11.668 €

Maler: 12.253 €

Konzeptkünstler: 9.389 €

Performancekünstler: 9.207 €

Die Gründe dafür liegen vor allem darin, dass es keinerlei staatliche Richtlinien gibt, Tarife oder Gehaltskriterien für professionell arbeitende Künstler festzulegen. Beispielsweise erfolgt die Ausstellungstätigkeit von Künstlern in staatlichen und städtischen Institutionen bundesweit fast immer umsonst. Berlin zahlt seit 2016 Ausstellungshonorare für Künstler in Kommunalen Galerien. Das ist vorbildlich, stellt aber die bundesweite Ausnahme dar (Red.Anm. Seit 2019 zahlt Hamburg auch eine Ausstellungsvergütung.). Freiwillig werden Honorare in der Regel nicht gezahlt. Es gibt weder Richtlinien oder (noch nicht einmal) Empfehlungen von offizieller Seite, Honorare zu zahlen, wenn Künstler für staatliche oder städtische Institutionen arbeiten. Außerdem sind die Gelder für Ankaufsetats von Museen, Städtischen Sammlungen oder Kunstvereinen in den letzten Jahrzehnten immer weiter zusammen gestrichen worden. Staatliche Kunstförderungen wurden massiv gekürzt. Künstler arbeiten für den Staat und die städtischen Einrichtungen flächendeckend umsonst. Zusätzlich ist es (oft aus der Not heraus) übliche Praxis bei vielen Künstlern geworden, Arbeiten an Museen zu verschenken (wenn sie die Möglichkeit dazu haben...). Besonders große Installationen werden gern verschenkt oder für eine geringe Summe verkauft. Dadurch spart man Lagerplatz (der ja auch wieder kostet) und ist in einer offiziellen Sammlung vertreten (was den Marktwert des jeweiligen Künstlers steigert). Leider wird damit auch weiterhin unterstützt, dass es für den Bestand der öffentlichen Sammlungen keine schwerwiegenden Auswirkungen hat, wenn sie ihren Ankaufsetat kürzen. Eine weitere lukrative Einnahme für Künstler ist die Ausübung einer Lehrtätigkeit an einer Hochschule. Professuren für Künstler an Hochschulen sind allerdings sehr rar und werden oft unter der Hand vergeben, auch wenn sie offiziell ausgeschrieben werden. Außerdem ist die Lehrtätigkeit an einer Hochschule ein anderer Beruf ist als der des Künstlers. So wird es auch vom Finanzamt gesehen. Die künstlerische Tätigkeit wird nach Annahme einer Professur leider oft zur Nebentätigkeit.

Die lukrativste Einnahmequelle von Künstlern ist heutzutage der Kunstmarkt. Dieser wird bestimmt von Sammlern, Galeristen und besserverdienenden Privatleuten, aber nicht von Kuratoren, Kritikern oder gar Künstlern, die in der Regel künstlerisch ausgebildet wurden und gemeinhin als Experten auf diesem Gebiet gelten. Galeristen, Sammler und Privatleute verfolgen unterschiedliche Interessen, warum sie in Kunst (und damit in Künstler) investieren. Bestenfalls sind es Kunstliebhaber, oft geht es jedoch lediglich um wirtschaftliche Interessen und um privaten Geschmack - nicht selten komplett ohne künstlerischen Sachverstand. Julia Stoschek, eine der etabliertesten Sammlerinnen für zeitbasierte Kunst in Deutschland, die den Kunstmarkt mit ihrer speziellen Vorliebe für mediale Kunst erheblich bereichert, antwortete kürzlich in einem ernüchternendem Interview auf die Frage, welche Kunst sich am Markt gut verkaufe: "Ganz klar: Kunst, die an der Wand hängt!" Na, wenn das nicht ein qualitatives Kriterium für Kunst ist! (Leider sagte sie in selbigem Interview auch, dass sie in Zukunft lieber alte Meister sammeln wolle...) Sicherlich ließe sich als positive Marktfaktoren auch noch hinzufügen: Kunst von toten Künstlern verkauft sich besser als von lebenden, Kunst, die haltbar ist auch (am besten 500 Jahre lang - eine solche Gewährleistung möchte ich mal in der Baubranche erleben!), außerdem ganz generell Kunst, die inhaltlich nicht allzu sehr weh tut... ein bisschen weh tun ist gerade noch okay, aber bitte nicht zu sehr. (Einige der formalen Kriterien spiegeln sich direkt in den unterschiedlichen "Einkommensklassen" wider, die oben aufgelistet sind.) Zusammenfassend lässt sich resümieren, dass Kunst immer stärker selektiert wird von Nicht-Experten und nach nicht qualitativen Kriterien. Aus eben diesem Grund reicht es heutzutage leider auch nicht, gute Kunst zu produzieren und schön fleißig zu sein. Kunst muss heutzutage vor allem markttauglich sein, damit die produzierenden Künstler überleben können.

Die Bundesregierung möchte nun beschließen, dass zwei Kriterien für den Bezug von Grundrente notwendig sind - zum einen der Nachweis von mindestens 33 Jahren Beitragszeit in der gesetzlichen Rentenversicherung und zum zweiten ein Mindesteinkommen, das 30 % über dem bundesweiten Durchschnittseinkommen liegt. Für das Jahr 2018 wären das 12.624 €. Diese Summe erreicht durchschnittlich von den Künstlern noch nicht einmal die Gruppe der Maler, die von allen Künstlern immer noch am besten verdient. Wer weniger als 30% des Durchschnittseinkommens verdient, hat keinen Anspruch auf Grundrente. Die Mehrzahl der Künstler wird diese Kriterien für einen Zeitraum von 33 Jahren unter gar keinen Umständen erfüllen können. Sie fallen einfach durch's Raster und erhalten keine Grundrente... Dazu werde ich auch gehören.

Aus diesem Grund möchte ich alle auffordern, sich mit den in Deutschland arbeitenden Künstlern solidarisch zu zeigen und einen Appell des BBK zu unterzeichnen. In dem Appell geht es um die Forderung, den Bezug der Grundrente schon dann zu zahlen, wenn das Einkommen mehr als 10 % des Durchschnittseinkommens beträgt. Weitere Informationen gibt es hier:

Pressemitteilung: Zu arm für die Grundrente 

Bitte unterschreibt den Appell des BBK. hier -> 

Appell des BBK: Kreative zu arm für die Grundrente!

vielen Dank für Eure Unterstützung und leitet den Appell auch bitte weiter!

Susanne Kutter

www.susannekutter.de

  

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