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Kulturelle Bildung als zentraler Geschäftsbereich in der Kulturprojekte GmbH

In der Kulturprojekte GmbH( ehemals VeranstaltungsGmbH, ehemals Podewil, Kloserstraße) wird ein zentraler Geschäftsbereich Kulturelle Bildung eingerichtet, der von „Künste und Partner", einer Beratungsfirma u.a. des Rats für die Künste geleitet wird. Um dieses neue Geschäftsfeld finanzieren zu können, wurde das Medienlabor TESLA in der Kulturprojekte GmbH liquidiert. Damit werden etwa 500.000,- € frei.

Der Berufsverband begrüßt die Erschließung von Mitteln für künstlerische Projekte an Schulen. Aber: Hier wird mit Mitteln der Künstlerförderung eine bildungspolitische Aufgabe subventioniert!

Der Berufsverband kritisiert außerdem die diffuse Aufgabenstellung, die sich das Büro „Künste und Partner" als „zentraler Geschäftsbereich Kulturelle Bildung"  gegeben hat. Denn hier findet sich eine Vermischung unterschiedlichster Aufgaben, die grundsätzlich strukturell und personell getrennt sein müssten.

Das Büro will Mittel für die Finanzierung von Kulturprojekten vergeben, zugleich aber auch selbst Projekte machen. Das Büro will auch für die Evaluierung der Projekte sorgen. Zugleich will es die zentrale Kontakt und -Verbindungsstelle zu Schulen sein. Es will mit seinen Projekten auf die Infrastruktur der freien Szeene und die aller Kulturinstitutionen zurückgreifen. Sein Verhältnis zu einem Verein Künste und Partner, der im wesentlichen aus Verwaltungsleitern - etwa der Leiterin des Kunstamtes Neukölln - besteht, ist unklar. 

Grundsätzlich muß natürlich gelten: Förderentscheidungen können nur durch Fachjurys getroffen werden; wer über Projekte anderer entscheiden will, kann nicht gleichzeitig im selben Rahmen eigene Projekte durchführen.

 Das trifft auch zu für die Dokumentation bzw. die Evaluation von Projekten und für die Vermittlung von Kooperationen und den Aufbau von Kontaktstellen zu Schulen.

 Diese Aufgaben können nicht von einer Stelle am selben Ort besorgt werden. Hier gibt es strukturell und personell von einander getrennte Aufgabenbereiche.

 Wenn der Senat Kulturelle Bildung unterstützen und voranbringen will, ist das zu begrüßen, aber bitte doch nicht in einer Form, die allen Regeln der Fairness, Transparenz und Sachorientierung widersprechen muß.

Mittel für kulturelle Bildung aus dem Parlament ?
Besonders zu begrüßen ist eine Initiative der Linkspartei , die über einen Parlamentsbeschluß eine sehr erhebliche Summe für zusätzliche künstlerische Projekte an Schulen verfügbar machen will.

Um so mehr muß darauf geachtet werden, daß solche Mittel zweckentsprechend und nach klaren Kriterien vergeben werden.

Der bbk Berlins wird seine Mitglieder über künftige Möglichkeiten konkreter Projektfinanzierung weiter informieren.

Die Position des bbk ist wie folgt zusammengefasst:

Das Programm Kulturelle Jugendbildung
Das Programm soll Projekte kultureller Jugendbildung in der Zusammenarbeit zwischen Künstlerinnen und Künstlern bzw. künstlerischen Institutionen einerseits, Schulen und Jugendeinrichtungen andererseits fördern. Die aktuell geforderte, unterstützte Profilierung von Schulen und auch der gezielte Ausbau von Schulen zu Ganztagsschulen erfordert einen außerordentlich starken Anschub über aktivierende Projekte. Diese müssen auch langfristig angelegt sein können. Besonders wichtig und unabweisbar sind solche Projekte für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Qualitätssicherung
Das knappe Gut Geld muss optimal, d.h. für Projekte verwendet werden, die eine herausragende kulturpädagogische Qualität deren Voraussetzung künstlerische Qualität ist - aufweisen. Qualitätssicherung erfolgt zunächst über die international anerkannten und auch im Land Berlin regelmäßig angewendeten Verfahrensgrundsätze der Transparenz von Vergabeverfahren, der Chancengleichheit für alle Projekte und Projektvorschläge, der klaren Formulierung von Bewertungs- und Auswahlkriterien, der Projektauswahl selbst durch ausgewiesenen und unabhängigen Sachverstand. Für das Programm Kulturelle Bildung ist also eine Programmrichtlinie mit einer Beschreibung der im Rahmen der Förderentscheidung besonders wichtigen Auswahlkriterien erforderlich. Ihre Formulierung ist Sache des Landes Berlin selbst. Ihr muss eine breite fachöffentliche Diskussion unter Beteiligung sowohl des schulischen wie pädagogischen Sachverstandes als auch des fachspezifischen Sachverstandes aller künstlerischen Sparten vorausgehen. Zur Projekteinzelentscheidung werden vom Lande Berlin auf der Grundlage von Vorschlägen aus Schule und Jugendbildung einerseits, der einzelnen künstlerischen Sparten andererseits unabhängige Fachjurys berufen. Jedes Jurymitglied muss unabhängig sein, damit Entscheidungen ausschließlich nach der Qualität der eingereichten Projektvorschläge ohne Interessenskollision vorbereitet und getroffen werden können. Deshalb können Mitglieder von Fachjuries nicht zugleich Projekte im Rahmen des Programms „Kulturelle Jugendbildung" durchführen oder selbst Antragssteller zur Förderung aus diesem Programm sein. Qualitätssicherung heißt insbesondere: Keine Förderung ohne Entscheidung einer sachkundigen und unabhängigen Jury!

Programmbetreuung
Zur vorbereitenden Bearbeitung von Projektförderungsanträgen, zur Vorbereitung und Protokollierung von Jurysitzungen und zur Beratung von Projektantragsstellern ist eine Geschäftsstelle für das Programm erforderlich. Sie ist, um die Organisationskosten zu Lasten der Projektförderung möglichst gering zu halten, mit möglichst geringem Personalaufwand zu betreiben. Auch hier muss, um Interessenskollisionen und damit Qualitätseinbußen zu vermeiden, der Grundsatz der Projektförderungs-Gewaltenteilung gelten. Die Programmgeschäftsstelle darf nicht zugleich Projekte in diesem Programm realisieren oder selbst als Projektantragssteller auftreten.

Kulturelle Jugendbildung als bildungs- und jugendpolitische Aufgabe
Kulturelle Jugendbildung ist zunächst eine schulische Aufgabe. Sie kann nicht aus Mitteln der Künstlerförderung subventioniert werden. Es muss deshalb vorausgesetzt werden, dass eine Förderung von Projekten in diesem Rahmen anteilig aus Mitteln des Bildungs- und des Jugendhaushaltes finanziert wird.

Die Kulturprojekte GmbH
Sollten, wie bisher geplant, Aufgaben der Programmbetreuung „Kulturelle Jugendbildung" von der landeseigenen Kulturprojekte GmbH übernommen werden, muss der Gesellschafterkreis der Kulturprojekte GmbH um Repräsentanten der im Programmrahmen besonders relevanten Kunstsparten bzw. Kulturinstitutionen erweitert werden, um die Arbeit der Kulturprojekte GmbH in der Berliner Kultur tatsächlich zu verankern und zusätzlichen und notwendigen Sachverstand zu mobilisieren. In diesem Rahmen kann die Kulturprojekte GmbH Infrastruktur für Berliner Künstlerinnen und Künstler und Kulturinstitutionen verfügbar machen. Ein Staatskunstkombinat im Eigenauftrag ist mit demokratischer und rechtsstaatlicher Kulturpolitik unvereinbar. Die Aufgaben der Programmbetreuung könnten im Übrigen sachlich einleuchtend auch von der Schulverwaltung oder vom Landesarbeitskreis kulturelle Jugendbildung übernommen werden.

Im Programmrahmen sollten bereits vorhandene Infrastrukturen, die der kulturellen Jugendbildung und der Information der an ihnen beteiligten Institutionen und der für sie zu gewinnenden Künstlerinnen und Künstler bzw. Kulturinstitutionen dienen, genutzt und gestärkt werden.

Förderkriterien
Die Etablierung eines eigenen Programms „Kulturelle Jugendbildung" hat nur dann Sinn, wenn es nicht mit bereits wahrgenommenen und finanzierten Aufgaben der Erschließung von Publikum für etablierte Kulturinstitutionen oder der Förderung von Talenten verbunden wird.

Das Programm soll es vielmehr Jugendlichen ermöglichen, Wahrnehmungsfähigkeiten zu entwickeln, selbstbestimmt Welt zu entdecken, zu lernen zu forschen - mit unterschiedlichen Medien, mit Mitteln der Kunst und mit Mitteln zeitgenössischer künstlerischer Strategien. Kinder und Jugendliche sollen lernen, aktiv eigene Erfahrungen zu machen, Interessen zu entwickeln, zu reflektieren, zu kommunizieren, Konflikte zu erkennen und den Umgang mit ihnen proben. Ihre Fähigkeiten, Probleme zu lösen und in einer Gruppe zu interagieren, sollen gestärkt werden. Dabei kommt es darauf an, das vielfältige ästhetische Material aus dem Lebensumfeld Jugendlicher und ihre oft nicht geringe Medienkompetenz zu nutzen.

Für die Künstlerinnen und Künstler als Projektentwickler gilt es, die kreativen Prozesse nicht nur in Gang zu setzten und in Gang zu halten, sondern sie auch zu beobachten, zu dokumentieren und auszuwerten, damit Erfahrungen verallgemeinert und weitergegeben werden können.

Aus diesen Grundsätzen können folgende Auswahlkriterien gewonnen werden: Im Programmrahmen geförderte Projekte sollen 

  • die spezifischen Interessen von Kindern und Jugendlichen aufgreifen;
  • auf die alltägliche Erfahrungswelt der Kinder und Jugendlichen Bezug nehmen;
  • Medienerfahrung von Kindern und Jugendlichen einbeziehen, dies bedeutet u.U. auch die Einbeziehung von technischen und speziell digitalen Medien;
  • Räume für selbstständiges Handeln und Experimentieren schaffen;
  • Erlebnisse und Erfahrungen und darüber hinaus Bildungsprozesse anregen, das betrifft u.a. die Ausbildung kreativer ästhetischer sprachlicher und motorischer Fähigkeiten, interkulturelles Lernen, soziales Lernen und fächerübergreifendes Lernen;
  • den Fokus nicht auf die Produktion von Ergebnissen, sondern auf die stattfindenden Prozesse innerhalb der Projekte legen, was auch bedeutet, dass die Projekte flexibel angelegt und im Ablauf veränderbar sind;
  • geschlechtsspezifische Aspekte einbeziehen, d. h. auch eine Reflexion von Geschlechterrollen ermöglichen;
  • die Gegebenheiten der jeweiligen Schule oder Jugendeinrichtung berücksichtigen;
  • Originalität zeigen;
  • die verschiedenen Rollen von Künstlerinnen und Künstlern und Lehrerinnen und Lehrern innerhalb der Projektdurchführung berücksichtigen und reflektieren.
  • Im Projektvorschlag selbst sollte der Erfahrungshintergrund der eigenen künstlerischen Praxis sichtbar werden; zum Projekt gehört auch seine Dokumentation.

bbk berlin, im Oktober 2007

 

Zum Vergleich hier auch die Position der Tanzrauminitiative:

Netzwerk TanzRaumBerlin - Statement zur kulturellen Bildung in Berlin  30.09.07

Der Entschluss, die kulturelle Bildung verstärkt in den Blick zu nehmen und zu fördern, ist grundsätzlich richtig. Kulturelle Bildung ist Bestandteil einer toleranten, zukunfts- und entwicklungsfähigen Gesellschaft. Sie ist nicht auf Kinder und Jugendprojekte beschränkt, sondern ist ein allgemeingesellschaftliches Recht. Sie muss alle Teile der Gesellschaft erreichen und den Blick auf die Kunst und die Künstler und deren Rolle in der Gesellschaft stärken und präzisieren.

Kulturelle Bildung darf aber weder den Kunstunterricht ersetzen noch die Kunstproduktion verdrängen.

Künstler und Kulturschaffende in Berlin sind bereit ihre Fachkenntnisse in die Projekte einfließen zu lassen und sinnvolle Verknüpfungen mit der aktuellen Kunstproduktion herzustellen. Ihr zusätzliches Engagement darf dabei nicht zu Lasten der Kunst gehen und keinesfalls Bedingung für den Empfang von Produktionsgeldern werden.

Es ist ein Widerspruch, wenn eine neue Offensive für kulturelle Bildung gestartet wird, während die Unterrichtsstunden in den künstlerischen Fächern an den Schulen reduziert bzw. gestrichen werden.

Auf diese Weise wird nicht die kulturelle Bildung gestärkt, sondern nur die Verantwortung dafür von der Bildungs- auf die Kulturverwaltung verlagert, indem Mittel, die für die Kunstproduktion zur Verfügung standen, wie z.B. die Mittel für das Medienkunstlabor tesla, nun für Projekte der kulturellen Bildung eingesetzt werden. Projekte einer neuen Offensive zur Stärkung der kulturellen Bildung können aber nur dann sinnvoll sein, wenn sie den Kunstunterricht an den Schulen nicht ersetzen, sondern darauf aufbauen.

Die Senatsverwaltung für Bildung muss die finanzielle und organisatorische Verantwortung mit tragen.

Die musischen Fächer an den Schulen müssen gestützt und besser ausgestattet werden. Dazu gehört regelmäßiger Musik-, Kunst-, Theater- und Tanzunterricht, der einerseits von ausgebildeten Fachpädagogen gegeben wird, und andererseits von aktiven Künstlern unterstützt werden kann.

Um gesamtgesellschaftlich wirken zu können, muss kulturelle Bildung dezentral stattfinden.

Die Einrichtung eines zentralen Veranstaltungsortes, wie zum Beispiel die Umwidmung des Podewil, ist daher nicht sinnvoll. Vielmehr ist die Stärkung bereits bestehender Institutionen und Projekte der kulturellen Bildung wichtig, um der Heterogenität der Stadt Berlin gerecht zu werden. Umgekehrt muss ein Ort wie das Podewil weiterhin mit seinen Ressourcen, Räumen und Produktionsmitteln für Künstler/innen erhalten bleiben Eine Umwandlung des Podewils würde eine empfindliche Lücke in die Basis der Berliner Kunstszene reißen - aus der nicht zuletzt immer wieder auch Ideen für die kulturelle Bildung erwachsen.

Die Unterzeichnenden fordern

  • die Mitwirkung von Künstlern und Kulturschaffenden am Konzept für Kulturelle Bildung
  • Keine Kürzung von Geldern für die Kunst zugunsten der kulturellen Bildung
  • den Erhalt von Produktionsräumen, wie z.B. im Podewil, für künstlerische Arbeit
  • Sicherung/Qualifizierung/Ausweitung  bereits  erfolgreich  arbeitender Initiativen  zur kulturellen  Bildung sowie deren Einbeziehung in die Entwicklung eines Gesamtkonzeptes.
  • Die Einbeziehung der Ressorts Bildung, Jugend und Soziales
  • Einbindung von zusätzlichen Mitteln aus dem Bildungsetat für bereits bestehende Projekte auf dem Gebiet der Kulturellen Bildung

 


 Das Projekt "Kunsträume" und seine Dokumentation finden Sie jetzt im Archiv des Kulturwerks.

  

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