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PM: Freie Szene stärken – 7 Mio. aus der City Tax für die Freie Szene

Pressekonferenz Freie Szene 28.08.2015 in der Akademie der Künste am Potsdamer Platz

Die Berliner Freie Szene gehört zu den bekanntesten und produktivsten der Welt. Hier leben LiteraturnobelpreisträgerInnen, GewinnerInnen des Goldenen Löwen der Venedig Biennale, die berühmtesten freien Theatergruppen, die renommiertesten ChoreographInnen und MusikerInnen.

Kulturpolitisch wird die Freie Szene seit langem völlig vernachlässigt und ist daher massiv unterfinanziert. Die Situation ist bedrohlich, es besteht die Gefahr, den aktuell fruchtbarsten Ort künstlerischen Schaffens in Kulturprovinz zu verwandeln.

Angesichts dieser Lage hat sich 2012 die Koalition der Freien Szene als Zusammenschluss aller Kunstsparten gegründet, ein 10-Punkte-Programm formuliert und einen Arbeitskreis „Räumliche Infrastruktur“ eingerichtet. Es geht der Koalition um eine strukturell nachhaltige Politik, die die Leistungen der Freien Szene anerkennt und angemessen fördert. Das heißt: Struktureller Um- und Ausbau des Stipendiensystems, Ausstattung der Orte und Veranstalter mit Produktionsmitteln, Einführung und dauerhafte Gewährleistung von leistungsgerechter Bezahlung künstlerischer Arbeit, sowie die Sicherung und Ausbau des Bestands an Arbeitsstätten. Basierend auf dem Wissen und der Erfahrung von AkteurInnen der einzelnen Kunstsparten hat die Koalition dafür einen zusätzlichen Bedarf von rund 18 Mio. Euro errechnet.

Mehr Citytax-Gelder für die freie Szene

Im aktuellen Haushaltsentwurf finden sich rund 2.5 Mio. Euro, die sich mit den genannten Forderungen der Koalition der Freien Szene explizit in Verbindung bringen lassen. Weitere Positionen, die mehr oder weniger an Bedürfnisse der Freien Kunstszene erinnern, sind so unkonkret, dass sich nicht sagen lässt, was mit ihnen tatsächlich gefördert werden soll und wem sie letzten Endes zu Gute kommen.

Auch bei den City Tax-Mitteln fehlt jede Beschreibung, wofür sie verwendet werden sollen,  dabei sind gerade diese zusätzlichen Ressourcen geeignet, das abzudecken, was in den
10 Punkten gefordert wird und im regulären Haushalt keine Berücksichtigung findet.

Darüber hinaus sind völlig unverständlicherweise die für die Freie Szene eingestellten City Tax Mittel im aktuellen Haushaltsentwurf mit 2.3 Mio. Euro beziffert. Aktuell erwartet werden Einnahmen in der Höhe von 47 Mio. Euro, zugesichert wurde uns ein Drittel der Einnahmen über 25 Mio. Euro, das sind also jedenfalls 7 Mio. Euro.

Die City Tax wurde ursprünglich auf Initiative von uns Kunstschaffenden (Stichwort „Kulturabgabe“) ins Spiel gebracht; die Politik hat sie schließlich eingeführt und uns bei den letzten Haushaltsverhandlungen dreist um sie betrogen, weil plötzlich beschlossen wurde, sie im wesentlichen zum Stopfen der Haushaltslöcher zu verwenden. Wenn nun die veranschlagte Summe von 2.3 Mio. Euro alles ist, was davon der Freien Szene zukommt, dann ist das der nächste City Tax Betrug.

Das können wir nicht hinnehmen und fordern mit 7 Mio. Euro das uns mehrfach zugesicherte Einnahmendrittel ein, um zumindest einmal mit einer halbwegs glaubwürdigen substantiellen Verbesserung der Freien Szene beginnen zu können.

Zeitgemäße Förderpolitik

Mit diesen 7 Mio. Euro wollen wir eine strukturelle Verbesserung der Situation der Berliner Kunstschaffenden erreichen und zwar durch die Stärkung von Orten und Veranstaltern (Ankerpositionen), von kontinuierlicher qualitativ hochwertiger künstlerischer Arbeit (Zeitstipendien) und von künstlerischer Forschung und Innovation (Forschungs- und Recherchefonds Kunst).

Die Koalition der Freien Szene hat für diese drei Positionen ausführliche und detaillierte Konzepte erarbeitet, die von den Bedürfnissen der hier lebenden KünstlerInnen ausgehen und sich an der künstlerischen Produktion orientieren. Die drei Maßnahmen sind aufeinander abgestimmt und sorgen gleichermaßen für Breite und Kontinuität künstlerischen Schaffens wie für innovative Spitzenforschung und stellen sicher, dass in Berlin Produziertes auch in Berlin gezeigt und gesehen werden kann.

Für diese Maßnahmen fordern wir die Schaffung jeweils eigener Haushaltstitel, die in Zusammenarbeit mit den fachlich relevanten AkteurInnen der Freien Kunstszene und der Koalition der Freien Szene formuliert, konzipiert und realisiert werden. Mit Zusammenarbeit meinen wir einen neuen Stil zeitgemäßer demokratischer und partizipativer Politik: Transparenz, Einbeziehung von Fachöffentlichkeit und Berücksichtigung von künstlerischem ExpertInnenwissen bei der Konzeption, Ausgestaltung und Umsetzung aller Fördermaß-nahmen; garantierte Selbst- und Mitbestimmung auf Augenhöhe und transparente Entscheidungen im Dienst der Sache – nämlich der unbedingten Entfaltungsfreiheit künstlerischer Produktion der Freien Szene.

Unter „Freie Szene“ verstehen wir: Die Gesamtheit aller in Berlin frei Kunst produzierenden KünstlerInnen, Ensembles, Einrichtungen und Strukturen in freier Trägerschaft aus den Bereichen Bildende Kunst, Tanz, Schauspiel, Performance, Neue Medien, Musik  – von alter Musik über Jazz, Echtzeitmusik und Klangkunst bis neue Musik –, Musiktheater, Kinder- und Jugendtheater, Literatur sowie aus dem Bereich trans- und interdisziplinären künstlerischen Arbeitens.

Im Einzelnen fordern wir:

# Die Stärkung von Orten und Veranstaltern:

Ankerpositionen (vorgeschlagene Fördersumme: 3,5 Mio. Euro)
Ankerpositionen sind Spielorte von Produktionen der freien Szene, Projekträume sowie freie Gruppen und Initiativen, die künstlerische Veranstaltungen der freien Szene kuratieren.
Sie arbeiten oft mit einem Höchstmaß an ehrenamtlichem Engagement und unter prekären finanziellen Bedingungen. Oftmals erhalten sie aus Eigenmitteln eine räumliche und technische Infrastruktur aufrecht, für die es bisher nicht einmal eine anteilige institutionelle oder sonstige Förderung gibt, von Produktionsetats ganz zu schweigen.
Ankerpositionen sind ein unverzichtbares Bindeglied zwischen den KünstlerInnen der freien Szene und dem Publikum – die Stärkung ihrer professionellen Strukturen und Möglichkeiten hilft, Produktionen der freien Szene noch präsenter und auch für Berlin-Gäste leichter auffindbar zu machen.

# Die Stärkung kontinuierlichen künstlerischen Arbeitens:

Zeitstipendien (vorgeschlagene Fördersumme: 2,5 Mio. Euro)
Zeitstipendien fördern KünstlerInnen auf der Basis ihres künstlerischen Werkes Anerkennung und der daraus hervorgehenden Erwartbarkeit kontinuierlicher qualitativ hochwertiger künstlerischer Produktion. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag, in Berlin sozialisierte KünstlerInnen mit nachgewiesenem Potenzial auch in späteren Schaffensphasen in Berlin zu halten.
Zeitstipendien sind eine neues Förderinstrument und werden zunächst an Bildende KünstlerInnen vergeben. Sie sollen den qualitativ und quantitativ veränderten Arbeits-
und Produktionsbedingungen gerecht werden, die insbesondere die Arbeit Bildender KünstlerInnen betrifft. Zunehmend wird nicht mehr nur in klassischen Werkkategorien
(wie etwa Gemälde oder Skulptur) gedacht und gearbeitet, sondern zum Beispiel auch in Prozessen und immateriellen Werkvorstellungen (Performance, Konzeptkunst, künstlerische Aktionen, Interventionen etc.).
Dementsprechend orientieren sich Zeitstipendien nicht an einem Werk als Ergebnis, sondern am künstlerischen Prozess, an der bisherigen und bisher anerkannten Leistung des/der KünstlerIn und der daraus ersichtlichen Förderwürdigkeit.

# Die Stärkung der künstlerischen Innovation:

Forschungs- und Recherchefonds Kunst (vorgeschlagene Fördersumme: 1 Mio. Euro)
Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen kommt es auch in der Kunst darauf an, neue Gebiete zu erschließen, neue Fragestellungen zu entwickeln, tradierte Grenzen zu überwinden und neue, wegweisende Denkrichtungen zu eröffnen. Man kann in diesem Sinn vergleichbar zur wissenschaftlichen Grundlagenforschung von künstlerischer Forschung sprechen.
Damit Berlin auch in Zukunft international anerkannt ästhetische Maßstäbe setzen kann, braucht es die gezielte Förderung dieser künstlerischen Forschung. Der Forschungs- und Recherchefonds ist ein dafür geeignetes neues spartenübergreifendes Instrument. Der Fonds trägt aktiv dazu bei, das noch junge, sich aktuell international etablierende Gebiet
der künstlerischen Forschung auch in Berlin mitzugestalten.
Er dient der alle Sparten umfassenden und interdisziplinären Erforschung neuer künstlerischer Bereiche, Fragestellungen, Elemente, Verfahren, Techniken, Praktiken.



Koalition der Freien Szene
Kontakt und Rückfragen:
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Tel. 176.32 888 247

  

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